Auguste Rodin

Auguste Rodin
(Paris 1840 - 1917 Meudon)

Frauenakt im Profil, papier découpé, ca. 1896-1897

Découpage: Bleistift, Aquarell mit Weißhöhung auf Velinpapier;
Montiert auf kaschiertem Karton (oben links mit Prägestempel eines nicht identifizierten Sammlers oder Papierherstellers, darstellend einen Löwen im Profil); 32 x 13,3 cm (dessin découpé); 49,8 x 36,7 cm (Blatt).
Auf der Rückseite des Kartons verschiedene Beschriftungen: in blauem Farbstift oben links No181 (durchgestrichen), unten links 934(2?) und in rotem Farbstift unten rechts 1140. Weißes Etikett mit blauem Umriss und gezacktem Rand, nummeriert 67 in Feder und brauner Tinte. Etikett mit fragmentierter, eigenhändiger Beschriftung in Bleistift, in Teilen von fremder Hand in Sepia nachgezogen: ...pluie / reposer le bruit de la / pluie endort l’esprit, mon œil / voit cette [même douceur?] qui / devient plus fraîche, et cherche à / mettre dans votre sang le calme...[1].

Provenienz:
Privatsammlung, München

 

 

 

Die zeitgenössische Anmutung dieser Arbeit begründet sich in ihrem fragmentarischen Charakter. Sie lädt zu jenem assoziativen Zugang ein, durch den sich die Rezeption moderner Kunst von der Tradition absetzt.

Dass der Blattrand die obere Hälfte des Kopfes und die Füße des Modells abschneidet, liegt in der Intention des Künstlers. Für Rodin steht die Pose des Modells im Mittelpunkt, der gedehnte Rücken mit auf dem Gesäß abgestützten Armen. Um die Kontur heraus zu arbeiten, betont Rodin den Raum zwischen Armen und Rücken mit einer Weißhöhung. Oft ist die Darstellung von Haupt- und Schamhaar bei Rodins weiblichen Akten akzentuiert. Das gilt auch für den vorgestellten Akt. Reizvoll sind die dunklen von Pigment gesättigten Ränder des aquarellierten Farbauftrags, die nicht immer der Bleistiftkontur folgen, sondern, gerade im Bereich von Gesäß und Beinen, eine eigene Kontur bilden.

Mes dessins sont la clé de mon œuvre schrieb Auguste Rodin im Jahr 1910 und bestätigte damit die zentrale Rolle der Zeichnung innerhalb seines Werkes. Die Attraktivität des Mediums lag für ihn gerade in der Zweidimensionalität. Während eine Skulptur von verschiedenen Ansichten betrachtet werden kann, ist der Blickpunkt bei der Zeichnung eindeutig festgelegt und damit auch die ungeteilte Aufmerksamkeit des Betrachters auf diesen Blickpunkt konzentriert. Dieser Aspekt faszinierte Rodin auch an den Fotografien seiner Skulpturen, die der befreundete Fotograf Edward Steichen (1879 – 1973), nach seinen Anweisungen fertigte. Rodin ging es dabei nicht darum, die assoziative Rezeption des Betrachters einzuengen. Eher wollte er für sich und den Betrachter einen gemeinsamen Ausgangspunkt definieren, von dem das Abenteuer der Rezeption ausgehen sollte.

Abb. 1: Auguste Rodin, Femme nue
debout, de profil à droite, les mains
sur la croupe, graphite, 31.1 x 19.8
cm, musée Rodin, Paris, D. 2355

Die meisten Zeichnungen Rodins beschäftigen sich mit der menschlichen Figur, allerdings mit sehr unterschiedlichen Prämissen. Bisweilen, um die Essenz einer Pose intuitiv zu erfassen, fixierte er während des Zeichnens mit stetem Auge das Modell, er zeichnete, ohne auf das Papier zu blicken. Auch zu unserem Blatt existiert im Musée Rodin eine solche Studie, die unserem Blatt zeitlich voraus geht. Man erkennt solche Studien an ihrer tastenden, welligen Strichführung und den versetzten Anschlüssen des Strichs (Abb. 1). Rodin hat diese spontanen Studien mit Hilfe eines Pauspapiers überarbeitet, den Strich geglättet und auf das wesentliche reduziert. In diesem Falle auf das Zusammenspiel der Kontur des Rückens mit jener des rechten Arms.

Abb. 2: Auguste Rodin, Psyché-
Pomone, Marmor, 60 x 29.2 x 26.3 cm,
musée Rodin, Paris

Um die Spannung der Kontur zu erhöhen, verdeckt er den linken Arm mit weißer Gouache, die den Raum zwischen Arm und Rücken füllt. Rodin akzentuiert das lange braune Haar des Modells, das bis an die Lendenwirbel reicht, ebenso wie das dichte braune Schamhaar, das in der vorangehenden spontanen Strichzeichnung noch fehlt. Eine spätere Skulptur in Marmor steht gleichfalls in enger Verbindung mit unserem papier découpé. Es ist Rodins Marmor-Version der Psyche-Pomona im Profil (1904 – 1906) (Abb. 2), heute Musée Rodin, Paris. Michelangesk löst sie sich aus dem roh behauenen Stein, den Arm gewinkelt, den Rücken überstreckt, in direktem Bezug zu der Pose unserem découpage (Abb. 3).

Abb. 3: Auguste Rodin, Femme nue
debout, de profil à droite
(découpage), 32 x 13.3 cm

Mit der Beschränkung auf die Umrisslinie und durch die tonige, flächige Aquarellierung betont Rodin die Zweidimensionalität der Zeichnung. Bewusst verzichtet er auf einen Hintergrund, sodass sich die Akte scheinbar aus dem Bildraum lösen. Auf seinen großen nationalen und internationalen Ausstellungen ab 1900 zeigte Rodin begleitend zu seinen Skulpturen stets auch Zeichnungen, oft zu Themengruppen kombiniert.

Die von Rodin zwischen 1885 und den frühen 1890er Jahren anfertigten découpages spielen innerhalb der Werkgruppe der Zeichnungen eine besondere Rolle. Dargestellt sind überwiegend weibliche Akte. Der Künstler schnitt sie nach Fertigstellung aus, um anschließend mit ihrer räumlichen Orientierung und manchmal auch ihrer Gruppierung mit weiteren Figuren zu experimentieren – ähnlich wie er zur gleichen Zeit auch von ihm gefertigte Skulpturen neu miteinander arrangierte und im Raum orientierte. Mit ähnlicher Intention hat Rodin auch Fotografien seiner Skulpturen bearbeitet, indem er die Skulpturen ausschnitt, um sie in selbst gestaltete Hintergründe einzufügen oder in Drucke, beispielsweise Vignetten, zu montieren. In der Rückschau erscheint Rodin als Erfinder des dessin decoupé und zugehöriger Montagetechniken, die dann in unterschiedlichen Kontexten durch die Moderne mäandern, das papier collé bei Picasso und Braque, bei Hodler, Klee und Schwitters bis zu den berühmten découpages von Matisse.

Bisher war die Rodin Forschung der Meinung, Rodin habe seine découpages, anders als seine sonstigen Zeichnungen, weder ausgestellt noch zum Verkauf angeboten. Es existierten dafür bisher jedenfalls keine Indizien. Somit seien sie als ein intimer Teil seines Werkprozesses zu verstehen, den der Künstler nicht mit der Öffentlichkeit teilen wollte. Ein anderer Grund zu dieser Annahme liegt darin, dass sich die etwa hundert bekannten découpages praktisch geschlossen im Musée Rodin befinden, als Teil jenes Legats, das Rodin 1916 dem französischen Staat vermachte und welches heute den Grundstock des Museums bildet. Sechs weitere, die René Chéruy gehörten, zwischen 1901 und 1908 Rodins Sekretär, befinden sich heute im graphischen Kabinett der Universität Princeton, USA.

Manche découpages kaschierte Rodin selbst auf Papier oder Karton. Viele andere bewahrte er lose auf, sie wurden erst nach der posthum erfolgten Inventarisierung 1917 montiert. Die Unterscheidung ist einfach. Jene von Rodin montierten tragen die Inventarnummer auf der Rückseite der Auflage. Jene nach der Inventarisierung montierten tragen sie auf der Rückseite des dessins découpés selbst.

Abb. 4: Auguste Rodin, Femme
nue debout, Paris, musée Rodin,
D. 7191

Auf dem Kunstmarkt sind bisher lediglich zwei découpages aufgetaucht, beide nicht original montiert. Sie wurden vom Musée Rodin erworben (1960 (Abb. 4), die Andere 1994). Damit scheint das vorliegende Werk der einzige découpage in privaten Händen. Es ist mit Sicherheit zu Lebzeiten Rodins montiert. Über seine Provenienz und seine Ausstellungsgeschichte ist bislang wenig konkretes bekannt. Der Prägestempel mit dem Löwen oben links ist bei Fritz Lugt nicht aufgeführt und bis dato auch nicht identifiziert. Die verschiedenen Nummern und die gezackte Marke auf der Rückseite legen nahe, dass das Werk ausgestellt war, auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verifizierbar ist, wann und wo. In Frage käme eine Ausstellung bei Bernheim Jeune, Paris 1907, deren Exponate ähnliche gezackte Marken wie vorliegendes Blatt verwandten, oder eine Ausstellung im Kunstsalon Hugo Heller, Wien 1908. Wie dem auch sei, scheint das vorliegende Werk zu belegen, dass Rodin seine découpages entgegen der bisherigen Meinung doch ausstellte.

Das kleine Gedicht auf dem fragmentierten Etikett an der Rückseite vorliegender Arbeit stammt zweifellos von Rodins Hand. Leider ist die Schrift derart berieben, dass der Text nur in Teilen lesbar ist.[2]

Zusammenfassend ist vorliegende Arbeit also in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Sie kann für sich beanspruchen nach heutigem Wissensstand das einzige bekannte découpage Rodins in privatem Besitz zu sein. Der découpage ist nicht post mortem, sondern vom Künstler selbst montiert und von ihm rückseitig mit einem eigenhändigen Gedicht versehen. Im Gegensatz zu der bisherigen Annahme, Rodin habe seine dessins découpés wegen ihres experimentellen Charakters nicht ausgestellt, war vorliegende Arbeit wohl doch schon zu Lebzeiten des Künstlers öffentlich präsentiert.


  1. Regen / Ruhen das Geräusch von / Regen schläfert das Gemüt ein, mein Auge / sieht diese [gleiche Sanftheit?], die / frischer wird, und sucht / Ruhe in Ihr Blut zu bringen
  2. Siehe Fn. 1.

 

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