Eugène Anatole Carrière

Eugène Anatole Carrière
(Gournay-sur-Marne 1849 - 1906 Paris)

Fillette endormie, um 1897

Öl auf Leinwand, 24,5 x 32 cm
Signiert oben links Eugène Carrière à Gustave Geffroy son ami
(in die trockene Farbe geritzt)

Provenienz:
Paris, Sammlung Gustave Geffroy;
Paris, Sammlung Eric Ledoux;
Paris, Sammlung Patrick Roger-Binet;
Privatsammlung, New York

Literatur:
Gustave Geffroy, L’Œuvre de Carrière, Paris 1902, Abb. S. 10;
Anne-Marie Berryer, Eugène Carrière. Sa vie, son oeuvre, son art, sa philosophie, son enseignement, Liège 1935, Nr. 236;
Robert J. Bantens, Eugène Carrière, Ann Arbor 1983, S. 260, Nr. 233, Abb. S. 743;
Véronique Nora-Milin und Alice Lamarre, Eugène Carrière 1849-1906. Catalogue raisonné de l’œuvre peint, Paris 2008, S. 250, Abb. 787.

Abb. 1: Eugène Carrière, Plakat für die Rodin-Ausstellung, 1900, Lithographie, Musée Rodin, Paris, Inv. Af. 106-1

Das Betrachten von Carrières Schlafender ist ein indiskreter, voyeuristischer Akt. Die tonale Braunmalerei gibt der Szene etwas unwirkliches, als könne der Betrachter die Schlafende träumen sehen.[1] Ganz im Sinne des Symbolismus, einer Kunstrichtung um 1900, die das Seelenleben sichtbar machen möchte, im Dialog mit der gerade aufkommenden Psychoanalyse und der Traumdeutung. Theodor Wolff, Schriftsteller und Paris Korrespondent des Berliner Tageblatts schreibt 1908 in seinen Pariser Tagebüchern:eines jungen imes Porträt prechainting (fig.3),re is no evidence uf 1818 oder 1819chung würde Michallons Arbeitsweise entsprech „Carrière ging dem inneren Licht nach, er wollte dieses innere Licht in voller Kraft und Schönheit hervorstrahlen lassen, und darum unterdrückte er alles, was die Offenbarung dieses Lichtes beeinträchtigen konnte. Er unterdrückte allen äußeren Farbenglanz, unterdrückte alles, was das Auge fesseln und die Sinne ablenken musste, und er schuf sich diese graue nebelhafte Luft, in der – wie ein feiner Rauch an Oktobertagen – die Seele nur ganz langsam vorüberzieht.“[2]

Seit den 1880er Jahren bedient sich Carrière der Camaieu-Malerei, einer Ton in Ton Malerei, die er auch für seine Porträts von Schlafenden bevorzugt, die traumgleich aus dem vagen oft undefinierten Hintergrund hervortreten. Möglicherweise haben diese monochromen Werke ihre direkte Entsprechung in den neuesten Erkenntnissen der Traumforschung, nach denen die Mehrheit der Menschen bis zur Erfindung des Farbfernsehens in schwarz-weiß Bildern träumte. Erst die Rekonditionierung durch den Farbfilm und das Farbfernsehen lassen die meisten von uns heute farbig träumen.[3]

Dem heutigen Publikum ist Carrière weniger präsent. Zu Lebzeiten wurde er von der Öffentlichkeit und den Künstlerkollegen hochgeschätzt. Eine besonders enge künstlerische und freundschaftliche Verbindung hatte er zu Auguste Rodin, mit dem ihn Teile der zeitgenössischen Kritik auf Augenhöhe sahen. Seine Camaieu-Malerei wurde mit dem raffinierten Lichtspiel auf Rodins Skulpturen verglichen, weil Carrière ebenso wie der Bildhauer auf die Farbe verzichtete. Die aus diffusem Grund aufsteigenden Porträts erinnern an jene Skulpturen Rodins, die sich vor dem Auge des Betrachters aus dem rohen Marmorblock heraus zu lösen scheinen. „Rodin peint en marbre, Carrière sculpte en ombre“ formuliert treffend der Literat und Kunstkritiker Camille Mauclair (1872- Paris-1945)[4]. Die Wertschätzung der beiden Künstler ist wechselseitig und so betraut Rodin den jüngeren Carrière mit dem Plakat für seine Jahrhundertausstellung (Abb. 1).

Abb. 2: Tête de jeune fille endormie, ca. 1902, Öl auf Leinwand, 36 x 47 cm, signiert unten links: Eugène Carrière, Sankt Petersburg, Museum Pouchkine

Carrière Fillette endormie ist mit einer Widmung versehen: Eugène Carrière à Gustave Geffroy son ami. Sie war also ein Geschenk an den Schriftsteller und Kunstkritiker Gustave Geffroy (1855 – 1926), der eine wichtige Figur des Pariser Kulturlebens war. Befreundet mit Rodin, Monet und Cézanne, verfasste er 1902 das erste Werkverzeichnis Carrières.

Eugène Carrière gilt als wichtiger Vertreter des französischen Symbolismus. Sein ausgewöhnlicher Stil hat die mit Fokus und Unschärfe experimentierende Fotografie der Piktorialisten beeinflusst, die zwischen 1900 und dem ersten Weltkrieg aktiv sind.[5] Sicherlich hat auch der dänische Symbolist Vilhelm Hammershoi, Schöpfer jener wunderbaren, leeren fast monochromen Interieurs, anlässlich seines Paris Besuchs 1891/92, Gemälde Carrières gesehen.

Nach dem Besuch der städtischen Zeichenschule im Straßburger Palais de Rohan und seiner Lehre als Lithograf, geht Carrière im Jahr 1870 nach Paris, um an der École des Beaux-Arts zu studieren. Als Freiwilliger zieht Carrière 1870 in den Deutsch-Französischen Krieg. Er gerät jedoch in Neu-Breisach in Gefangenschaft und wird anschließend nach Dresden deportiert. Er erhält dort die Möglichkeit die Dresdner Gemäldegalerien zu besuchen. Das Studium der Werke Rubens‘ und Velazquez‘ prägen insbesondere sein Frühwerk.[6] Nach seiner Rückkehr kommt er zwischen 1872 und 1876 unter die Fittiche von Alexandre Cabarnel (1823 – 1889). Erst in den 1880er entwickelt er allmählich seine Camaieu-Malerei, bei der zwei oder drei Farbtöne einer einzigen Farbe (außer Grau) verwendet werden. Von Camille Mauclair (1872 – 1945) werden Rodins und Carrières Werke als „Statuen und Malerei des psychologischen Ausdrucks“ bezeichnet.[7] Gemeinsam treten die Künstlerfreunde 1890 der Künstlervereinigung Société Nationale des Beaux-Arts bei.[8] 1898 eröffnet Eugène die École Carrière, wo unter anderem Henri Matisse (1869 – 1954) und André Derain (1880 – 1954) zu seinen Schülern zählen.

Abb. 3: Der Schlaf, 1890, Öl auf Leinwand, 66,2 x 82,3 cm, signiert unten links: Eugène Carrière, Frankfurt, Staedelmuseum, Inv. Nr. 2414

Eugène Carrière ist kein Freund von Auftragsarbeiten. In erster Linie portraitiert er Freunde und Familie. Darunter zählen bedeutsame Künstler und Literaten wie Gustave Geffroy (1855 – 1926), Edmond de Goncourt (1822 – 1896), Alphonse Daudet (1840 – 1897), Paul Verlaine (1844 – 1896), Paul Gauguin (1848 – 1903), um einige zu benennen.[9] Beliebte Modelle seiner Maternité bezeichneten metaphysischen Portraits sind seine Frau und seine Kinder. Das Motiv der unbeobachtet, beobachteten Schlafenden oder Träumenden hat ihn wiederholt fasziniert (Abb. 2 und Abb. 3).

 


  1. Jane R. Becker, A Cross-Media Kinship. Auguste Rodin and Eugène Carrière. The Met, 2017 <https://www.metmuseum.org/blogs/now-at-the-met/2017/auguste-rodin-eugene-carriere> (aufgerufen am 19.01.2022).

  2. Theodor Wolff, Pariser Tagebuch, München 1908.

  3. Diese Tatsache hat die schottische Forscherin Eva Murzyn der University of Dundee bei einer Studie 2008 herausgefunden, s. Murzyn, Eva: Do we only dream in colour? A comparison of reported dream colour in younger and older adults with different experiences of black and white media, in: Consciousness and Cognition, Bd. 17, Nr. 14, Amsterdam 2008, S. 1228 – 1237 <https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1053810008001323?via%3Dihub> (aufgerufen am 02.02.2022).

  4. Camille Mauclair, ‘Rodin peint en marbre, Carrière sculpte en ombre, zitiert in Auguste Rodin – Eugène Carrière, Ausst. Kat. Musée d’Orsay, Paris 2006.

  5. Kristina Lowis, Eine Ästhetik der Kunstphotographie im internationalen Kontext (1891-1914), Düsseldorf 2003, S. 212.

  6. Robert James Bantens, Eugène Carrière. His Work and His Influence, Ann Arbor 1983, S. 15-16.

  7. Camille Mauclair, La psychologie du mystère, in: Les Maîtres artistes, Bd. 1, Paris 1901, S. 45.

  8. Ebda., S. 79.
  9. Véronique Nora-Milin, Eugène Carrière 1840-1906. Catalogue raisonné de l’oeuvre peint, Paris 2008.

 

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