Simon Denis

Simon-Joseph-Alexandre Clément Denis
(Antwerpen 1755 - 1813 Neapel)

Madame Elisabeth Vigée Le Brun skizziert die Wasserfälle von Tivoli, Anfang 1790

Öl auf Eichenholz, 48,2 x 62,2 cm
Signiert und datiert unten rechts S. Denis f. Roma 1790

Provenance:
Bukowskis, Stockholm, Auktion, 29. Mai 1996, Lot 323;
Daxer & Marschall, München, 1996;
Joan Conway Crancer, St. Louis, Missouri, 1996;
Hindman, Chicago, Auktion, 29. September 2020.

Literature:
Élisabeth Louise Vigée Le Brun, Kat. Ausst. Paris, Grand Palais, Galeries Nationales, The Metropolitan Museum of Art, New York, Musée des Beaux-Arts du Canada, Ottawa, 2015-2016, S. 231.

 

Aufgrund ihrer Nähe zum französischen Königshaus verließ die berühmte Portraitmalerin Elisabeth Vigée Le Brun (1755-1842) kurz nach Ausbruch der Revolution zusammen mit ihrer Familie Frankreich. Ihr Weg führte sie zunächst nach Rom und dann in weiteren Etappen nach Florenz, Neapel, Wien, St. Petersburg und Berlin, bevor sie Jahre später in das nachrevolutionäre Frankreich zurückkehren konnte.

Im Winter des Jahres 1789 unternahm die Malerin einen Ausflug nach Tivoli. Mit von der Partie waren ihr Mann, der Maler und Kunsthändler Monsieur Le Brun, die gemeinsame vierzehnjährigen Tochter und Francois Ménageot, der Direktor der französischen Akademie in Rom, sowie der junge französische Maler Simon Denis, ein Protegé Monsieur Le Bruns. Unser Gemälde basiert auf mehreren Ölskizzen, die Simon Denis anläßlich des Besuches der berühmten Wasserfälle anfertigte. Das ausführliche Tagebuch von Madame Vigée Le Brun dokumentiert die näheren Umstände und erwähnt auch die Begleitung Simon Denis, der den Ausflug nur Wochen später Anfang 1790 in diesem Gemälde festhalten sollte.

Das Gemälde atmet die Atmosphäre und Spontaneität der plein-air Skizzen Simon Denis’, was seine Ausführung unmittelbar nach dem Besuch nahelegt. Das Werk ist nicht nur ein wichtiges Dokument der frühen plein-air Malerei in Italien, sondern porträtiert auch eine der berühmtesten Malerinnen der Zeit, Madame Elisabeth Vigée Le Brun, bei der Arbeit.[1]

Abb. 1: Simon Denis, Elisabeth Vigée Le Brun Dessinant la Cascade de Tivoli, 1789, Öl auf Papier auf Leinwand, 28,9 x 22 cm.

Unter einem Olivenbaum sitzt Madame Vigée Le Brun, ihr Skizzenbuch auf den Knien, mit einer Skizze der berühmten Wasserfälle beschäftigt. Neben ihr die Tochter Julie und etwas abseits deren Gouvernante Madame Charost. Um der Sonne zu entkommen, haben sie eine schwarze Decke oder einen Umhang in den Baum gespannt. In der Ferne, am Flußufer, stehen die Herren Ménageot und Le Brun im Gespräch. Die reichliche Menge an Wasser, erklärt sich aus den starken Regenfällen, welche die Reise nach Tivoli wochenlang verzögert hatten.[2] Die Malerin ist beeindruckt vom dröhnenden Klang der Kaskaden. Sie schreibt: ... De là, j´entendais le bruit des cascades, qui me bercait délicieusement; car ce bruit-là n´a rien d´aigre comme tant d´autres que je déteste. Sans parler du terrible bruit du tonnere (...).[3]

Unser Gemälde ist Simon Denis früheste bekannte Version[4] der Wasserfälle von Tivoli. In Antwerpen befindet sich eine 1793 datierte Ölskizze, die den Vermerk Cascarelles à Tioly il y avait peu d’eu trägt, ein Hinweis auf die regenarme Jahreszeit. 1795 entstand die heute in Grenoble befindliche Version Vue de la Villa de Mécène. Eine vierte Ansicht bestellte 1795 Friedrich Graf von Reventlow für Schloss Emkendorf in Schleswig-Holstein. Desweiteren wurde 2006 bei Christie’s eine Skizze verkauft, die in engem Verhältnis mit unserem Gemälde steht (Abb. 1).

Der in Antwerpen geborene Denis studierte bei Henricus Josephus Antonissen, ging dann nach Paris und ließ sich 1786 in Rom nieder, mit finanzieller Hilfe des Kunsthändlers Jean-Baptiste Lebrun, des Ehemannes der großen Porträtmalerin. Bereits ein Jahr später veröffentlichte das Giornale per le belle arti einen Artikel, der Denis Lichteffekte und den Realismus seiner Freilichtstudien lobte. [5] Im Jahr 1805 erwähnte der deutsche Philosoph August von Schlegel in einem Brief an Johann Wolfgang Goethe Simon Denis als den besten Landschaftsmaler Roms.[6] Schließlich geht Simon Denis nach Neapel, um Jacob Philipp Hackerts Nachfolge als Hofmaler anzutreten.

Bis in die frühen 1980er Jahre verband die Kunstgeschichte mit Simon Denis eher konventionelle Landschaftsgemälde aus dem frühen 19. Jahrhundert. Dies änderte sich schlagartig mit der Entdeckung eines größeren Konvoluts von plein-air Ölskizzen Denis, die ihn als Schlüsselfigur in der Entwicklung der plein-air Malerei in Rom in den 1790er Jahren auswiesen. Fortan durften seine Werke in keiner der vielen Ausstellungen zu dem Thema fehlen. Unser Gemälde von 1790 bezieht sich ganz unmittelbar auf die Qualitäten eben dieser plein-air Malerei.


  1. Siehe Élisabeth Louise Vigée Le Brun, Kat. Ausst. Paris, Grand Palais, Galeries nationales, The Metropolitan Museum of Art, New York, Musée des Beaux-Arts du Canada, Ottawa, 2015-2016, S. 231.
  2. Siehe Elisabeth Vigée-Lebrun, Souvenirs de Madame Vigée-Lebrun, Bd. 2, Paris 1836, S. 65: J ´étais arrivée à Rome, où il pleut si rarement, précisément à l´époque des pluies d´automne, qui sont de vrais délugues. Il me fallut attendre le beau temps pour visiter les environs...
  3. Vigée-Lebrun, 1836, S. 66: ... Von dort hörte ich das Geräusch der Wasserfälle, die mich köstlich erschütterten; weil dieses Geräusch nichts Bitteres ist wie so viele andere, die ich hasse. Ganz zu schweigen vom schrecklichen Lärm des Donners.
  4. Les Cascatelles, 1793, Öl auf Papier, 47 x 39 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen, Inv. Nr. 1501;
    Vue de la Villa de Mécène, 1795, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm, Museum Grenoble;Les Cascatelles, 1795, Öl auf Leinwand, Schloss Emkendorf.
  5. Giornale per le belle arti, t. III, Rom, 1787, S. XCVII-XCXIX.
  6. F. Noack, ,Simon Denis’, in Thieme/Becker, Künstlerlexikon, IX, Leipzig 1913, S. 71.

 

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