Carl Gustav Carus

Carl Gustav Carus
(Leipzig 1789 - 1869 Dresden)

Die künstliche Ruine bei Schloss Pillnitz im Mondschein

Öl auf Papier Karton, 10,5 x 7 cm
Auf eine Einladungskarte der Dresdner FLORA gemalt

Provenienz:
- Kunsthandlung Rusch, Dresden (1930);
- Kunsthandel Luz, Berlin (während des 2. Weltkriegs);
- 1968 Verbleib unbekannt (laut Prause);
- Privatsammlung, Liechtenstein (dokumentiert 1995-2009);
- Privatsammlung, Schweiz.

Ausstellung:
- Dresden, Kunstausstellung Kühl (rückseitiges Etikett);
- Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum (Inv. Nr. Gm 2059), Leihgabe 1995-2009.

Literatur:
Marianne Prause, Carl Gustav Carus. Leben und Werk, Berlin 1968, S. 93, Nr. 32 mit Abb. (falsche Maße)

 

 

 

 

 

Es liegt nun einmal im Mondlicht ein nicht abzuweisender Zauber (...).[1] Carl Gustav Carus, Lebenserinnerungen, 1865-1866

Seit Beginn der dreißiger Jahre war die Landschaft um Pillnitz das bevorzugte Motiv für die Naturstudien Carl Gustav Carus’. Als Leibarzt der königlichen Familie hatte er während der Sommeraufenthalte in Schloss Pillnitz vor Ort zu sein. Aus diesem Grund hatte der Maler 1832 ein Landhaus in der Nachbarschaft erworben, das fortan zum Ausgangspunkt seiner Wanderungen wurde. Unweit der „Villa Carus“ entstand die vorzustellende Ölskizze. Gegen Nordosten erhebt sich der in die Elbhänge eingebettete Borsberg mit dem etwas kleineren davorliegenden Schlossberg, welcher seit 1785 eine künstliche gotische Ruine nach den Plänen von Johann Daniel Schade trägt (Abb. 1). Dieses streng nach den Ausführungen des Gartentheoretikers Christian Cay Lorenz Hirschfeld angelegte künstlich gealterte Bauwerk gehörte zu einem im Auftrag des Kurfürsten Friedrich August III. errichteten Gebäudekomplex, der sich weitläufig über den Friedrichsgrund erstreckt.

Abb. 1 Pillnitzer Ruine von Johann Daniel Schade

Unser kleinformatiges Nachtbild zeigt in engem Ausschnitt den prägnanten gotisch anmutenden Erker eben jener Pillnitzer Ruine vor einem vom letzten Abendrot gefärbten Himmel. Zwischen Wolken ist der aufgehende Mond sichtbar. Carus’ besonders Interesse gilt der authentischen Wiedergabe der Gegenlichtsituation, mit der Silhouette der Ruine und der im Mondlicht gleisenden Wiese davor.

Carus hat den Schlossberg mit der Ruine Pillnitz in einer etwas größeren Skizze um 1835 ein weiteres Mal thematisiert (Abb. 2). Hier wird die topographische Lage der von Mischwald umgebenen Ruine gut sichtbar.

In jenen Jahren galt sein Interesse bereits dem Nachtbild und den Effekten des Mondlichts. Dies ist einerseits der emotionalen Aufladung des Erdtrabanten in Literatur und Malerei der Romantik geschuldet, andererseits Carus` naturwissenschaftlichem Interesse an atmosphärischen Phänomenen. Im zehnten Brief seiner kunsttheoretischen Schrift „Briefe über Landschaftsmalerei“ verfasste er ein eigenes Kapitel über die von ihm so bezeichneten Mondscheinbilder.[2] Die romantische Synthese von „Gemüt“ und Naturerlebnis verbindet er mit dem Bestreben, die Darstellung der Natur mittels einer genauen Betrachtung der Licht- und Farbverhältnisse zu objektivieren.[3]

Abb. 2 Carl Gustav Carus, Abendstimmung bei Pillnitz, um 1835, Öl auf Pappe, 13,5 x 19,6 cm, wohl WVZ Prause 287, Privatbesitz, USA.

Gerade in seinen Ölskizzen erweist sich Carus auch künstlerisch auf der Höhe der Zeit.[4] Angeregt von den plein-air Ölskizzen Johan Christian Dahls, die für die gesamte Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts in Deutschland vorbildlich geworden sind, begann Carus bereits Mitte der 1820er Jahre im Dresdner Umland Ölskizzen en plein-air zu malen.

Gemeinsam ist diesen Arbeiten, die meist auf Papier oder Karton ausgeführt sind, das kleine Format, welches den intimen Charakter betont. Carus’ Studien unterscheiden sich von den ausgeführten Atelierbildern insgesamt durch einen flüssigeren Pinselduktus, eine größere Freiheit der Komposition und eine spontan anmutende Motivwahl.

Unsere Ölskizze wurde auf die der Vorderseite der Einladungskarte der Dresdner Flora, der Gesellschaft für Botanik und Gartenbau, ausgeführt. Carus war ebenso wie Johan Christian Dahl Mitglied dieser Vereinigung. Beide haben gerne die monatlich versandten Einladungskarten als Malkartons für kleine Arbeiten genutzt.


  1. Zitiert nach Hans Joachim Neidhardt, ‚Zur Ambivalenz des Atmosphärischen bei Carl Gustav Carus’, in Carl Gustav Carus. Wahrnehmung und Konstruktion, Berlin 2009, S. 175.
  2. Carl Gustav Carus, Zehn Briefe…, op. cit., S. 115-119.
  3. Karge, Kendrik, ‚Die Landschaftsbriefe von Carl Gustav Carus und ihre Rezeption in der zeitgenössischen Kritik und Kunstliteratur’, in Carl Gustav Carus, op. cit., Essays, S. 233ff.
  4. Marianne Prause, op. cit., S. 52 f.

 

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