Christian Daniel Rauch

Christian Daniel Rauch
(Arolsen 1777 - 1857 Dresden)

Ein Relief der Kronprinzessin Elisabeth von Preußen, 1834-1837

Carraramarmor 34,2 x 35,7 cm ohne Sockel, Höhe 52,4 cm mit Sockel,
Inschrift ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN , eingelegt in blau pigmentierter, mineralischer Paste

Provenienz:
Privatsammlung, Deutschland

 

 

 

 

 

 

Dieses in einer Privatsammlung aufgetauchte Relief war der Wissenschaft bisher unbekannt. Es zeigt die Tochter Königs Maximilian I. von Bayern, Kronprinzessin Elisabeth von Preußen, im Profil. Das drehbar auf einen Sockel montierte Relief ist in Carrara-Marmor gefertigt. Die in den Marmor geschnittene Inschrift ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN ist in blauer mineralischer Paste eingelegt. Es handelt sich bei dem Porträt um eine Arbeit des Berliner Bildhauers Christian Daniel Rauch (1777-1857) und dessen Werkstatt und war von September 1834 bis Januar 1837 in Arbeit.

Die Prinzessin ist im Profil nach rechts dargestellt. Ihr Haar ist am Hinterkopf geknotet und fällt in weichen Korkenzieherlocken über die Schläfen. Der königliche Hermelin liegt über Hals und Schulter, in der erhobenen linken Hand hält sie ein Maiglöckchen, die Lieblingsblume der Prinzessin. Das Relief ist in eine Bogennische gebettet, umgeben von einem annähernd quadratischen Rahmen. Die oberen Zwickel des Rahmens füllen die bayerischen und preußischen Wappentiere – Löwe und Adler. Unterhalb der Nische ist auf einem Sockelstreifen die Inschrift angebracht.

Elisabeth Ludovika (13.11.1801-14.12.1873), Prinzessin von Bayern, schloss am 16. November 1823 die Ehe mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (15.10.1795-2.1.1861). Er folgte seinem Vater, Friedrich Wilhelm III. (*3.8.1770) von Preußen am 7. Juni 1840 als König Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron.

Eine Vielzahl erhaltener Quellen, besonders die Konto- und Tagebücher Rauchs, geben einen detaillierten Einblick in die Abläufe der Rauch-Werkstatt, zu Entwürfen, Arbeitsschritten, Werkstattmitarbeitern, den Kosten und der Datierung einzelner Werke.[1] Leider ist eine eindeutige Identifikation des Quellenmaterials mit den heute bekannten Skulpturen nicht immer zweifelsfrei möglich. Zu Verwechslungen kann es kommen, weil die Beschreibungen mancher Skulpturen in den Quellen zu summarisch sind, um sie eindeutig mit erhaltenen Werken in Verbindung zu bringen und auch weil nicht alle in den Quellen aufgeführten Skulpturen erhalten sind. Bei den königlichen Porträts kommt hinzu, dass zuweilen mehr als eine Version gefertigt wurde. So verhält es sich auch bei den bekannten von Rauch gefertigten Porträts Elisabeths. Umso erfreulicher ist, dass für das vorliegende Reliefporträt, wie diese Recherche zeigen wird, eine eindeutige Zuordnung der Quellen möglich ist.

Das vorgestellte Relief ist die früheste von drei heute existenten Versionen, begonnen im September 1834 und zu Beginn des Jahres 1837 vollendet. Bei der zweiten Version handelt es sich um einen Gipsabguss von 1836,[2] heute Berliner Nationalgalerie (SMB NG, Inv. Nr. RM 259). Die dritte, späteste Version datierbar ab 1840 befindet sich heute im Bayerischen Nationalmuseum München (Inv. Nr. 2013/149). Den Terminus post quem liefert hier die Beschriftung ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN, welche eine Entstehung vor ihrer Krönung Mitte 1840 ausschließt.

Das Modell für unser Reliefprofil könnte das von Rauch gefertigte „Profil der Kronprinzessin“ sein, für das sie am 24. September 1834 Modell saß. Er vermerkt in seinem Tagebuch dazu, dass es „klein“ und für einen Carneolschnitt vorgesehen sei.[3] Zeitgleich begannen verschiedene Mitarbeiter der Berliner Rauch-Werkstatt mit den Vorarbeiten für ein Porträtrelief in Marmor, wie die Aufzeichnungen im Kontobuch zum „Modell der Kronprinzessin von Preußen Büste in einer Nische“ belegen.[4]

Laut der Quellen zogen sich die Arbeiten an unserem Relief von September 1834 bis in den Januar 1837. Zusammen mit Rauch waren seine engsten Mitarbeiter und Schüler damit befasst: Neben dem Bildhauer Ceccardo Gilli (1798-1862) führten Carl Gramzow (1807-nach 1863), Karl Heinrich Möller (?-?) und Albert Wolff (1815-1892) weitere Arbeitsschritte an dem Relief aus.[5] Der Mechanikus Gilow[6] (?-?) montierte im Dezember 1835 unter das Marmorrelief eine „Drehscheibe“, ein weiterer Mitarbeiter nahm sich der Inschrift an.[7] Immer wieder legte auch Rauch selbst Hand an. In sein Tagebuch notierte er: „10.-14. November 1835 – An dem Kopf der Kronprinzeßin in der Nische in Marmor retouschiert“. Kurze Zeit später vollendete er laut Tagebuch vom 2. Dezember 1835 „das Modellchen eines Profils mit d linker Hand, in halbrunder Nische […] (I.H. d. Kronprinzeßin)“.[8]

Die Zuordnung dieses Quellenmaterials zu unserem Stück scheint eindeutig: Der Verweis auf die „linke Hand“, die „halbrunde Nische“ ebenso wie der Verweis auf die Drehscheibe unterscheidet unser Porträt von einem anderen, heute unbekannten, ebenfalls 1834 gefertigtem Porträt der Kronprinzessin für Schloss Charlottenhof.[9] Im Januar 1836 meldete Rauch für das „Portrait I.K.H. der Frau Kronprinzessin, im Profil“ Urheberrecht bei der Berliner Akademie der Künste an und überstellte einen Gipsabguss (PrAdK 0084, 9.1.1836). Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um den bei Jutta von Simson abgebildeten Gipsabguss,[10] heute in der Berliner Nationalgalerie (SMB NG, Inv. Nr. RM 259).[11]

Woher der Auftrag für unser Relief kam, ist nicht zu rekonstruieren. In der Sekundärliteratur wird ausgehend von Friedrich Eggers[12] über Jutta von Simson[13] bis zu den aktuellsten Ausstellungskatalogen[14] die Fürstin Liegnitz, zweite Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., als Auftraggeberin genannt, die das Relief zur Aufstellung in ihrem Palais in Potsdam am Grünen Gitter bestellt haben soll. Diese Behauptung ist aber weder durch Quellen gestützt, noch ist sie chronologisch schlüssig. Tatsächlich hatte die Fürstin Liegnitz ihr Potsdamer Palais erst 1841 nach dem Tode ihres Gemahls Friedrich Wilhelm III. umbauen lassen und anschließend bezogen, also zu einer Zeit als Elisabeth nicht mehr Kronprinzessin, sondern schon Königin war. Daher könnte es sich bei der Bestellung der Fürstin Liegnitz, sollte es denn eine solche gegeben haben, eher um die spätere Version unseres Reliefs, mit der Inschrift ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN, handeln, die heute im Bayerischen Nationalmuseum, München verwahrt wird. Sie kann erst nach der Krönung Mitte 1840 entstanden sein und korreliert somit zeitlich mit dem Umbau des Potsdamer Palais‘ und dem anschließenden Umzug der Fürstin Liegnitz.

So scheint es wahrscheinlicher, dass unsere 1834/1837 angefertigte erste Version des Reliefs ein Auftrag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. gewesen ist. Denkbar wäre auch ein Geschenk an Kronprinzessin Elisabeths Mutter, Königin Caroline von Bayern, geb. Prinzessin von Baden. Mutter und Tochter liebten die gemeinsamen Besuche in Rauchs Berliner Atelier, wie sie in den Tagebüchern des Bildhauers dokumentiert sind.

Abschließend sei dem Drehmechanismus des Reliefs noch ein Gedanke gewidmet. Dass ein Relief mit unbearbeiteter Rückseite drehbar montiert ist, verwundert zunächst. Sobald man es aber vor einer Kerze postiert oder im hellen Gegenlicht bei Tage betrachtet, erscheint das edle Profil der Prinzessin einem Cameo gleich vor dem transparenten Hintergrund des dünnen umgebenden Marmors.

Wir danken Frau Sylva van der Heyden, Berlin für ihre Recherche und den darauf gestützten obigen Text.

 

Literatur:

Friedrich Eggers, Christian Daniel Rauch, Leben und Werke, 5 Bände, Berlin 1873-1891.

Friedrich Eggers, Das Rauch-Museum. Sammlung von Modellen der Werke Christian Rauch's im Königlichen Lagerhause zu Berlin, Berlin 1877. (ad Relief S. 51, Kat. Nr. 228)

Karl Eggers, Das Rauch-Museum zu Berlin. Verzeichnis seiner Sammlungen nebst geschichtlichen Vorbericht und Lebensabriss Rauch's, Berlin 1892. (ad Relief S. 60, Kat. Nr. 259)

Paul Ortwin Rave, Das Rauch-Museum in der Orangerie des Charlottenburger Schlosses, Berlin 1930. (ad Büsten S. 120, Nr. 90)

Jutta von Simson, Christian Daniel Rauch, Oeuvre-Katalog, Berlin 1996.

Christian Daniel Rauch-Museum Bad Arolsen, Ausstellungskat., hrsg. von Birgit Kümmel, Bernhard Maaz, Berlin, Bad Arolsen 2002. (ad Relief S. 208-209, Kat. Nr. 73, Tafel S. 209)

Nationalgalerie Berlin, Das XIX. Jahrhundert, Bestandskatalog der Skulpturen, Band 2, hrsg. von Bernhard Maaz, Berlin 2006.

 

Archivalien:

Historisches Archiv der Akademie der Künste Berlin

PrAdK 0084, Protokolle der Sitzungen des Akademischen Senats sowie Abschriften der Schreiben des Akademischen Senats an das Kultusministerium 1836 [Protokoll vom 9.1.1836]

Zentralarchiv der Staatlichen Museen Berlin

SMB-ZA, IV/NL Rauch 05, Briefverzeichnis und Tagebuch 1829-1833

SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841

SMB-ZA, IV/NL Rauch 07, Briefverzeichnis und Tagebuch 1841-1849

SMB-ZA, IV/NL Rauch 09, Nachweis der ausgeführten Skulpturen 1797-1855

SMB-ZA, IV/NL Rauch 17, Register zu den Contobüchern A, B, C, D und E

SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839

SMB-ZA, IV/NL Rauch 19, Conto-Buch, Litera E

 

Büsten der Kronprinzessin / Königin Elisabeth von Preußen von C. D. Rauch

https://www.gipsformerei-katalog.de/media/image/31/5a/88/GF05000-32_R1.jpg
1824, H 0,47m [modelliert 5.8.1824, Sanssouci] 1829, H 0,50 m [modelliert 23.6.1829] 1845, H 0,58 m [Wiederholung von 1824]

 

Reliefs der Kronprinzessin / Königin von Preußen von C. D. Rauch

Gips

ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN

SMB, NG, Berlin
Inv. Nr. RM 259

(Abb. in Simson 1996, Nr. 226)

Marmor

ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN

Privatbesitz

Drehscheibe & Büstenfuß

 

 

Marmor

ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN

BNM, München
Inv. Nr. 2013/149

(Abb. Objektdatenbank BNM)

keine Vorrichtung für Büstenfuß oder Drehscheibe


  1. Zentralarchiv der Staatlichen Museen Berlin, NL Rauch. Einschlägige Rauch-Literatur: Eggers 1873-91; Simson 1996; Ausstellungskat. 2002; Bestandskat. 2006.
  2. vgl. Simson 1996, S. 359, Kat. 226.
  3. SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841; Simson 1996, S. 350, Kat. 219.
  4. SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.
  5. Zu den Arbeitsprozessen in Rauchs Werkstatt und die Mitarbeiter siehe: Birgit Kümmel, Atelier und Techniken des Bildhauers. „der Altmeister der Plastik residiert darin wie ein König“, in: Ausstellungskat. 2002, S. 59-66.
  6. Derselbe Mechaniker, Gilow, montierte im November 1837 Drehscheiben an das Porträtrelief der Fürstin Liegnitz (heute SPSG, Neuer Pavillon), welches vom Aufbau dem drehbaren Relief der Kronprinzessin stark ähnelt. Vgl. SMB-ZA, IV/NL Rauch 19, Conto-Buch, Litera E, Nr. 84.
  7. SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.
  8. SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841.
  9. SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.
  10. Simson 1996, S. 359, Kat. 226.
  11. Im Kontobuch werden für Januar 1836 ein Gipsabguss, ein Büstenfuß und der Transport zur Akademie der Künste abgerechnet. Vgl. SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.
  12. „Das liebreizende Bildchen war für die Fürstin Liegnitz bestimmt und ist in deren Palais angebracht.“ Eggers 1873-91, Bd. 3, 1886, S. 82.
  13. „Die Arbeit entstand auf Bestellung der Fürstin Liegnitz, der zweiten Gemahlin Friedrich Wilhelm III., die das bald darauf in Marmor ausgeführte Relief in ihrem Palais am Grünen Gitter in Potsdam anbringen ließ. Hier ist es heute nicht mehr nachweisbar.“ Simson 1996, S. 359.
  14. „Den Auftrag für das Modell der Kronprinzessin Elisabeth von Preußen erhielt Rauch von der Fürstin Liegnitz, der zweiten Gemahlin des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.“ Ausstellungskat. 2002, S. 208.
  15. Taufe von Edward VII (*9.11.1841) fand am 25.1.1842 in London statt; die zwei Skulpturen sind im Bild in der Royal Collection nachweisbar.
  16. Ceccardo Gilli (geb. ? in Carrara, gestr. 1862 in Berlin), seit 1819 Bildhauer in der Werkstatt Rauchs in Berlin.
  17. Eventuell die auf der Berliner Akademie-Ausstellung 1844 gezeigten „Zwei Bildnisbüsten nach dem Leben“ Nr. 1289 und Nr. 1290.
  18. Gesamtsumme im Jahr 1842: 96,67 Reichstaler.
  19. Gipskopie für die Anzeige des Urhebers bei der Akademie der Künste?
  20. Gesamtsummer 1834 bis 1837: 115,5 Reichstaler.

 

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