Carl Gustav Carus

Carl Gustav Carus
(1789 Leipzig - 1869 Dresden)

Vollmond bei Pillnitz

Öl auf Malpappe, 17,8 x 25,4 cm
Rückseitig das handschriftliche Etikett Windsor & Newton, London und die Beschriftung Carus ‘Insel bei Pillnitz’.

Provenienz:
Privatsammlung, Dresden, in Erbfolge;
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen;
Privatsammlung, New York.

Expertise von Professor Dr. Helmut Börsch-Supan, Berlin;
Wahrscheinlich Nr. 289 des Werkverzeichnisses von Marianne Prause.

 

Carl Gustav Carus ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der Goethezeit. Der universal begabte und gebildete Arzt und Naturforscher war auch als Schriftsteller tätig und gehört zu den bedeutendsten Künstlern und Theoretikern der deutschen Romantik. Starke Impulse und einen nachhaltigen Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen verdankte Carus Caspar David Friedrich, mit dem ihn seit 1817 eine enge Freundschaft verband. Seine Briefe zur Landschaftsmalerei gelten als ein Schlüsselwerk zum Verständnis der Ästhetik deutscher Landschaftsmalerei der Romantik.[1] 1821 lernte er Goethe kennen, mit welchem er sein doppeltes Interesse an Kunst und Wissenschaft teilte.

Seit Beginn der dreißiger Jahre war die Landschaft um Pillnitz das bevorzugte Motiv für die Naturstudien Carl Gustav Carus’. Als Leibarzt der königlichen Familie hatte er während der Sommeraufenthalte in Schloss Pillnitz vor Ort zu sein. Aus diesem Grund hatte der Maler 1832 ein Landhaus in der Nachbarschaft erworben, das fortan zum Ausgangspunkt seiner Wanderungen wurde.

Carus war sehr angetan von der Pflanzenvielfalt auf einer kleinen Insel, die sich mitten in der Elbe gegenüber von Schloss Pillnitz befindet. Die ungezähmte Natur auf der Insel bildete einen interessanten Kontrast zum formellen Park rund um das Schloss. Er unternahm mehrere Ausflüge, um die Insel sowohl bei Tag als auch bei Nacht zu erkunden, und besuchte sie manchmal in Begleitung von Freunden.[2]

Dieses kleinformatige aber äußerst vollendete Gemälde ist Malerei der Romantik und Empfindsamkeit in ihrer reinsten Form. Einige Wolken am nächtlichen Himmel umrahmen einen vollen Mond, dessen Schein vom sanft bewegten Wasser des ruhig dahin fließenden Stromes reflektiert wird. Ein einsamer Schiffer gleitet auf seinem Boot durch die stille Nacht. Fast verdeckt im Vordergrund hat ein weiterer Kahn am Ufer festgemacht. Die mitten im Flusslauf liegende, kleine, dicht bewaldete Insel scheint der Welt entrückt, die alle möglichen Geheimnisse und Rätsel in der Dunkelheit verbirgt.

Paul Ferdinand Schmidt bemerkte in seinem Werk über Carus’ Gemälde 1928: Die Exaktheit seiner Beobachtung einte sich mit seinem ungemein regen Gefühl für das Seelisch Gefühlte in nächtlicher Erscheinung. Die Stille der Natur, das lautlose Ziehen der Wolken und das Spiel des Mondlichtes auf den sich sanft kräuselnden Wellen werden mit sichtlich großer Empfindungsbereitschaft wahrgenommen. [3]

Die Nacht an sich war in der Geisteswelt der Romantik mit  diversen positiven Konnotaten besetzt. So glaubte man mit einsetzender Dämmerung eine Erweiterung der geistigen Offenheit und Erkenntnisbereitschaft zu erfahren. Der Naturphilosoph Gotthilf Heinrich von Schubert hatte 1808 in Dresden eine Vorlesungsreihe mit dem Titel Ansichten von der Nachtseite der Wissenschaften gehalten, in der er den Standpunkt einer lebendigen, sich dem Menschen mitteilenden Natur vertrat. Gerade bei Naturwissenschaftlern wie Carus vereinte sich die reine Naturbetrachtung mit dem Beschreiben der dabei erlebten Empfindung. Disziplinübergreifend verbinden sich Erkenntnisse aus Philosophie, Physik und Poesie.[4] Der universal gebildete und interessierte Carus darf daher als ein typischer Repräsentant der romantischen Bewegung gelten. Carus legte großen Wert auf naturwissenschaftlich präzise Beobachtung der Erscheinungswelt und ihrer atmosphärischen Phänomene, um seine Erkenntnisse dann in eine poetische Bildsprache zu übersetzen. Seine Nachtbilder bilden daher den geistigen Nukleus seiner Kunst. Spät im Leben schrieb Carus während eines Aufenthaltes in seinem Haus in Pillnitz: Drei Wochen nun wieder in diesem Pillnitz – dem Orte wo so viel in meiner Seele gereift ist, wo das innere Daseyn Phantasmagorien der wunderbarsten Art erfahren hat![5]


[1] Carl Gustav Carus, Zehn Briefe und Aufsätze über Landschaftsmalerei mit zwölf Beilagen und einem Brief von Goethe als Einleitung, 1815-1835, Leipzig und Weimar 1982.

[2] Frank Richter, Carl Gustav Carus. Der Malerfreund Caspar David Friedrichs und seine Landschaften. Dresden 2009, S. 47.

[3] Paul F. Schmidt, Carl Gustav Carus. Der Mensch, der Arzt und Forscher, der Künstler, in Erich Haenel (HG.), Der grosse Garten. Hundert Jahre sächsischer Kunstverein. Jubiläums-Festschrift, Dresden 1928, S. 77.

[4] Roger Cardinal, Nacht und Traum. Hymnen an die Nacht – Traum und Unbewußtes. In: Kat Ausst. Ernste Spiele. Der Gesit der Romantik in der deutschen Kunst 1790-1990. München, Haus der Kunst, Edinburgh, Royal Scottish Academy and London, Hayward Gallery, 1994-95, S. 538 ff.

[5] Sächsische Landesbibliothek – Staats und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr. Dresd. App. 314, Bd.3, Bl.134 „Lebensbetrachtungen. Nachtrag zu den Lebenserinnerungen von C. G. Carus. Zitiert nach: Gerd Spitzer, Dresden und Pillnitz. In: exh. cat. Carl Gustav Carus. Natur und Idee. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen und Berlin, Staatliche Museen, 2009, S. 71 ff.

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