Wilhelm Leibl

Wilhelm Leibl
(Köln 1844 – 1900 Würzburg)

Bildnis eines Knaben, um 1869/70

Öl auf Leinwand, 32,4 x 28 cm
Signatur oben rechts: W.Leibl

Provenienz:
Otto Körtge, Oschersleben;
Berlin, H. Schild;
Deutsche Privatsammlung.

Gutachten, Prof. Emil Waldmann, 1938;
Gutachten, Dr. Marianne von Manstein, 2022.

Literatur:
Unveröffentlicht

 

 

Unser besonderer Dank gilt Frau Dr. Marianne von Manstein für ihr Gutachten, das schriftlich vorliegt und auf dem der folgende Text basiert.

Eine wahre Entdeckung ist das vorliegende Bildnis eines Knaben von Wilhelm Leibl. Leider wurde es dem Leibl-Forscher Prof. Emil Waldmann erst acht Jahre nach seinem 1930 erschienenen Werkverzeichnis der Gemälde Leibls zur Begutachtung vorgelegt. So blieb es bis zum heutigen Tage unveröffentlicht und dementsprechend der Forschung unbekannt.[1]

Als Schulterstück im konzentrierten Bildausschnitt ist der ernste Kopf eines jungen Knaben zu sehen, im Dreiviertelprofil nach rechts gewandt. Ohne den Betrachter wahrzunehmen, geht der Blick des Jungen sinnend aus dem Bild heraus. Ohne Konkretes zu fixieren, hängt er seinen Gedanken nach. Wie üblich bei Leibl unterstreichen die ruhige Pose des Abgebildeten und der enge Bildausschnitt die Natürlichkeit der Darstellung, ohne ihr etwas Momenthaftes zu geben. Das blasse Gesicht kontrastiert vor dem dunklen Hintergrund. Das von links einströmende Licht lässt weder einen Rückschluss auf die Lichtquelle noch auf die Tageszeit zu. Der umgebende Raum in verschiedenen Braun- und Ockertönen fein nuanciert, bleibt undefiniert.

Das Thema der Adoleszenz hat den großen Bildniskünstler Leibl sein ganzes Oeuvre hindurch beschäftigt. Das vorliegende Werk bringt die körperliche als auch geistige Ambivalenz dieses Lebensalters besonders gut zum Ausdruck. Häufig ist vor dem Eintritt in das Erwachsensein bei Jugendlichen das Männliche oder Weibliche noch nicht so ausgeprägt. Auch bei diesem Wesen mit seinen feinen, weichen Gesichtszügen, dem halblang getragenen Haar, dem intensiven Rot der Lippen und der nicht näher definierten Kleidung könnte es sich auch um ein Mädchen handeln. Ganz im Sinne dieser Argumentation, spricht Emil Waldmann in seiner Expertise von einem Mädchenkopf. Die Androgynität korrespondiert mit der Offenheit der Malerei. Mit offenem Pinselduktus ist das leicht struppige Haar charakterisiert. Beim Inkarnat wird der Pinselstrich zwar feiner, aber auch hier ist das Gesicht nicht gleichermaßen durchgearbeitet. Die Farben sind differenziert gesetzt und gleichzeitig behält das ganze Bildnis eine Flüchtigkeit, die vermuten lässt, dass es vielleicht unvollendet blieb. Doch hat der Künstler, wie die Signatur[2] oben rechts nahelegt, das Werk durchaus als vollendet angesehen.

Abb. 1: Wilhelm Leibl, Bildnis der Frau Gedon, 1869, Öl auf Leinwand, 119,5 x 95,5 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlung, Neue Pinakothek München, Inv.-Nr. 8708.

Eine derartige Großzügigkeit in der Behandlung ist im Werk Wilhelm Leibls nicht ungewöhnlich für die Zeit um 1869/70, in die dieses undatierte Werk einzuordnen ist. Die Offenheit des Pinselduktus und die farbliche Gestaltung lassen an ein gleichzeitig entstandenes Hauptwerk Leibls denken, das Bildnis der Frau Gedon (Abb. 1). Besondere Ähnlichkeit liegt in Details, wie beispielsweise der malerischen Behandlung des Haaransatzes. Beide Werke eint zudem die künstlerische Orientierung am großen Vorbild Rembrandt, was neben dem Pinselstrich, den Umgang mit dem Helldunkel und die Wahl der Farbpalette betrifft.

In dieser Zeit wird zugleich auch die Parallelität von Leibls Kunstauffassung mit der zeitgenössischen französischen Kunst offenkundig. Große Bestätigung erfährt Leibl als 1869 der gefeierte Realist Gustave Courbet anlässlich der 1. Internationalen Kunstausstellung nach München reist. Die beiden Künstler befreunden sich und der Franzose spricht dem jüngeren deutschen Kollegen eine Einladung nach Paris aus, welche dieser noch im gleichen Jahr in die Tat umsetzt. Für seinen Beitrag zum Pariser Salon, das Bildnis der Frau Gedon, wird er mit der Goldmedaille geehrt und von der französischen Kritik gefeiert.[3]

 


  1. Emil Waldmann, Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde, Berlin 1930.
  2. Die Signatur ist gut lesbar, wenn auch fragmentarisch erhalten. Eine aktuelle Untersuchung der Malschichten zeigt, dass die Reste des Schriftzugs fest mit dem Untergrund verbunden sind. Als Emil Waldmann das Werk 1938 begutachtete, hat sich die Signatur womöglich noch in einem besseren Zustand befunden. Er gibt sie mit „W. Leibl“ an und schreibt dazu ausdrücklich: „Die Signatur erwies sich bei näherer Untersuchung als ebenso alt wie die Malerei selber. Sie ist mit derselben Farbe geschrieben wie das Lippenrot und zeigt die damals häufige Art der Unterschrift.“
  3. Brief an die Eltern aus Paris, 6.5.1870, zit. nach Marianne von Manstein, Kat. Ausst. Wilhelm Leibl, Zürich 2019, S.22: „Mein Name ist in ganz Paris jetzt berühmt und zwar so, dass gestern drei Kunsthändler zur gleichen Zeit auf meinem Atelier waren und mir alles, was ich hatte, abkaufen wollten bis auf die kleinste Skizze und den flüchtigsten Pinselstrich.“

 

Kommentare sind deaktiviert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen