Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
(Haina 1751 - 1829 Eutin)

Bildnisbüste des Odysseus, 1794

Öl auf Holz, 38,5 x 29,8 cm
Signiert und datiert unten rechts: Tischbein f. 1794

Provenienz:
Eventuell Graf Leopold Nádasdy (1802 – 1873)[1]
Dorotheum, Wien 1969
Privatsammlung Wien

 

 

 

 

 

 

 

Besonderer Dank gilt Hermann Mildenberger, Weimar für die Erforschung unseres Gemäldes, deren Ergebnisse hier in leicht gekürzter Fassung wiedergegeben sind.

Odysseus gilt vielen als Prototyp des modernen Menschen. Mit scharfen Sinnen, zu kühnen Taten entschlossen, stellt er sich mit List und Täuschung dem Willen der Götter entgegen. Tischbein präsentiert Odysseus als inkarnierte Gewandbüste, quasi als lebendiges Monument.[2] Er erfasst ihn damit charakterlich und historisch, beides Dimensionen, die dem Archäologen und Kenner antiker Literatur besonders am Herzen liegen. Die Möglichkeit den Charakter mittels der Physiognomie darzustellen hatte ihm die Begegnung mit dem Physiognomen Johann Caspar Lavater und dem Philologen Johann Jakob Bodmer in Zürich eröffnet. Homer und insbesondere die Odyssee haben Tischbein ein Leben lang beschäftigt: „Ich habe das Buch so lieb, daß […] ich, wenn ich sterbe, die bitten [wollte], welche um mich sind, daß sie mir die Ilias auf die Stirne legten und die Odyssee auf die Brust; denn oft sind mir die Thränen aus den Augen geborsten und auf die Brust gefallen, daß sie naß worden“.[3] Unser Gemälde entstand bereits während Tischbeins Neapelaufenthalt (1788-1799) und ist ein Produkt seiner intensiven Beschäftigung mit der antiken Kunst und Homers Schriften. Auf dieser Grundlage entstand auch sein großes illustriertes Werk zur Odyssee, »Homer, nach Antiken gezeichnet« erschienen nach seiner Rückkehr nach Deutschland, ab 1801 in Göttingen.[4]

Der Kunsthistoriker und Tischbeinforscher Hermann Mildenberger, Weimar, schreibt zu der Entstehung unseres Gemäldes: „Tischbeins druckgraphisches Werk »Homer, nach Antiken gezeichnet«, war ein zentrales künstlerisches Anliegen des literarisch interessierten Malers während seiner letzten 10 Jahre in Italien. Nach der Flucht vor der französischen Okkupation Neapels 1799 nahm er in Deutschland seine Beschäftigung mit dem »Homer, nach Antiken gezeichnet« zielsicher wieder auf. Zahlreiche künstlerische Vorarbeiten hatte er aus Italien gerettet.[5] Homers »Ilias« und »Odyssee« war ihm ein Buch der Weltweisheit, oft ganz persönlich und subjektiv gedeutet, wobei Homer im ausgehenden 18. Jahrhundert gerade auch als »Fürstenspiegel«, als Lehrbuch bei der Ausbildung der Kinder regierender Familien für nützlich galt. In der Ankündigung der Publikation seines druckgraphischen Werkes im Dezember 1800, stellte Tischbein kategorisch fest: »… kein anderer Dichter hat so viel für die Ausbildung der Menschheit geleistet, und wird fortdauernd so viel dafür leisten, als Homer[6]

Abb. 1: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein / Christian Gottlob Heyne, „Homer nach Antiken gezeichnet“, 1801, „Zweites Heft“, Titelblatt: Kopf des „Odysseus“, Maße Blatt: 49,8 x 34,5 cm, Plattenrand: 35,2 x 21,9 cm, Herzogin Anna Amalia Bibliothek PPN: 873820150.

Als Klassizist versuchte Tischbein den antiken Vorbildern möglichst nahe zu kommen – in Italien kopierte er Motive nach archäologischen Vorlagen: nach Statuen, Büsten, Reliefs, geschnittenen Steinen und Vasendarstellungen.[7] Die homerischen Motive waren Tischbein aber auch Ausgangspunkt zur Konzeption zahlreicher Historiengemälde. Gleichzeitig versuchte er, seine als homerisch gedeuteten Antikenkopien zu einem großen Werk zu vereinen, einer »authentischen« Bildenzyklopädie mit erklärenden Texten, dem »Homer, nach Antiken gezeichnet«. Das Titelblatt des »Zweiten Heftes« zeigt nun, mit leichten Modifikationen, dieselbe »Odysseus«-Büste wie das vorliegende Gemälde, in Groß-Folio, durchaus in vergleichbarer Größenordnung (Abb. 1). Andreas Andresen charakterisiert den Stich wie folgt: »ODYSSEUS (in griechischer Schrift). Büste des Odysseus, nach einer Mamorbüste, von vorn, nach links blickend, mit der mit Lotus und tanzenden Genien verzierten Schiffermütze auf dem Kopfe. In einer viereckigen Mauereinfassung. Von Tischbein gezeichnet und von R. Morghen gestochen. Ohne Künstlernamen«.[8] Ist auch die gemalte Bildnisbüste des Odysseus physiognomisch dem Stich sehr ähnlich, so ist doch die rahmende Mauereinfassung anders. Beim Stich ist sie glatt, rechteckig, fast edelsteinhaft »geschliffen« und akkurat wie mit Buchdrucklettern »ODYSSEUS« (in griechischer Schrift) bezeichnet. Der Kopf des »Odysseus« taucht im »Homer«-Werk ferner in Rahmen der bekannten Komposition der »Sieben Heldenköpfe« auf.[9] Hier wird eine physiognomische Deutung gegeben, die bei der Darstellung des Einzelkopfes dann ausführlicher gefasst wird.[10]

Abb. 2: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Odysseus, 1794, Öl auf Holz, 38,5 x 29,5 cm, Museum of Fine Arts, Budapest, Inv. Nr. 76.1

Auf dem Gemälde ist die Mauereinfassung oben leicht gewölbt, geradezu antikisch verwildert und von deutlich größerer Plastizität und Tiefenwirkung als beim Stich. Die schwarz-weiße Bildnisbüste des Odysseus beim Stich wirkt bei aller Lebendigkeit historisch entrückt, beim Gemälde dagegen naturnah, veristisch anwesend, fast anekdotisch. Das Gemälde, 1794 datiert, steht am Anfang der Arbeiten zum Themenkreis des »Homer«. Immer wieder hat Tischbein Motive, die man im »Homer, nach Antiken gezeichnet« publiziert sieht, in seine Gemälde aufgenommen und weiterentwickelt. Auch beim vorliegenden Gemälde ist dieser schöpferische, lebensvolle Zugriff zu beobachten.“ Eine weitere, malerisch schwächere Version unseres Gemäldes, ebenfalls von Tischbeins Hand, befindet sich im Museum der bildenden Künste in Budapest (Abb. 2).

 


  1. Es ist durchaus möglich, dass unser Gemälde aus der Sammlung von Graf Leopold Nádasdy (1802-1873) stammt. Das handschriftliche Inventar dieser Sammlung, Beschreibung der Gemälde Sammlung des Grafen Leopold Nádasdy zu Pest, datiert vor 1873. Es listet entweder unsere Version oder jene in Budapest. Die Ähnlichkeit des Motivs und die identische Größe verhindern eine eindeutige Identifikation. Nähere Informationen der Auflösung der Sammlung Nádasdy sind unbekannt. Sicherlich erfolgte sie nach dessen Tode 1873. Wien wäre der beste Marktplatz für eine Auflösung gewesen, eben dort wo unser Gemälde in den 1960er Jahren aus Privatbesitz auftauchte. Für Informationen bezüglich der Provenienz danken wir Dr. Miklós Gálos, Museum der bildenden Künste, Budapest. Er verwies auch auf den Beitrag von Haraszti-Takács,  La Tete de’Ulysse par Tischbein et L’Idée Allemande de L’Antiquité au tourant des XVIII – XIXe siècles,Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts 52 (1979). Das Museum der bildenden Künste in Budapest erwarb seine Version 1976 aus einer Privatsammlung in Budapest. Zuvor befand sich das Gemälde in der Sammlung Tornyay-Schossberger und bis 1923 in der Sammlung Albert Nyáry. Ob diese oder unsere Version in dem Inventar der Sammlung Graf Leopold Nádasdy (1802-1873) erwähnt ist, bleibt offen.

  2. Christian Gottlob Heyne berichtet, dass Tischbein eine Marmorbüste in der Sammlung von Frederick Hervey Earl of Bristol als Inspiration diente, die er wahrscheinlich in Rom gesehen hatte, wo sich ein Teil der Sammlung Bristols befand. Näheres hierzu in Fn. 10.

  3. Homers Odyssee und der Rückzug ins Private, in: Wiedergeburt griechischer Götter und Helden. Homer in der Kunst der Goethezeit, Ausst. Kat. Museum Stendal 2000, S. 143.

  4. Die Anfänge von Tischbeins Beschäftigung mit Homer liegen während seines Aufenthalts in Italien, doch auf Grund des Einmarsches französischer Revolutionstruppen in Neapel erschien erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland sein Stichwerk „Homer, nach Antiken gezeichnet“ 1801-04 als Heft 1–6 mit Erläuterungen von Christian Gottlob Heyne zunächst bei Dieterich in Göttingen. Jedes Heft sollte außer den Vignetten und Ornamenten sechs Kupfertafeln enthalten. Nicht nur eigenhändige Druckgraphiken nach seinen Zeichnungen, sondern auch die von Raphael Morghen (1758 – 1833) und des verwandten Waldeckʼschen Malers C. W. J. Unger (1775 – 1858) wurden beigebunden. Das Werk stockte und wurde erst ab 1821 von Cottas Verlag fortgeführt, ohne jemals formell abgeschlossen zu werden. Siehe Peter Prange, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Zeichner, Die Vergötterung Homers, 1818/19 (https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/johann-heinrich-wilhelm-tischbein/die-vergoetterung-homers, aufgerufen am 31.03.2021).

  5. Siehe auch Andreas Andresen. Die deutschen Maler-Radierer (peintres-graveurs) des neunzehnten Jahrhunderts, …, Bd. 2, Leipzig 1867, S. 32 – 38.

  6. Allgemeiner Literarischer Anzeiger, Bd. 5, 1. Dezember 1800, Nr. 189, Spalte 1857 – 58. Hermann Mildenberger. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 – 1829). Historienmalerei und niedere Bildgattungen vereint im Dienst monarchischer Restauration, in: IDEA. Jahrbuch derHamburger Kunsthalle, Hg. Werner Warnke. VIII. 1989, S. 75 – 94.

  7. Hier überschneiden sich seine Tätigkeit für die Vorbereitung eines umfassenden druckgraphischen Werkes zum »Homer« mit seiner Edition der antiken griechischen Vasen von Sir William Hamilton, dem britischen Botschafter in Neapel (»Collection of engravings from ancient vases …«, 1791 – 1795).

  8. Andresen (op. cit.), S. 36, Nr. 35.

  9. Homer, nach Antiken gezeichnet, 1801, Heft 1, Tafel bei S. 34.

  10. Der Kopf des Odysseus (Ulyss) wird von Heyne als archäologischer Autor interpretiert: »… Wir sehen den hier gezeichneten Kopf im ersten Hefte unter den sieben Heldenköpfen, wo auch bereits berichtet ist, daß er von Marmor, etwa unter Lebensgröße ist, und daß Lord Bristol (d. i. Frederick Hervey Earl of Bristol, Anm. d. Verf.) ihn besitzt. Dort war er im Profil gezeichnet; hier ist er nach einem größeren Verhältniss; und mehr vorwärts vorgestellt; der damals angegebene Charakter ist desto sichtbarer; der feste, vorwärts dringende, scharfe, forschende Blick, mit Kühnheit, Muth, Ausdauer und Standhaftigkeit … man erkennt im Blick den Mann, der im tiefen Nachdenken auf einen Anschlag sinnt, aber auch den Anschlag richtig zu fassen, und muthig, kräftig und beharrlich auszuführen, im Stande ist. An Haaren und Bart machen die flammichten Locken eine eigene Wirkung, sie sind denen ähnlich, die sich an Jupiters-Köpfen finden, nur dass sie an diesen durch gesenkte, am Ulyss in emporstehender Richtung, sich unterscheiden«. Siehe Homer, nach Antiken gezeichnet, II. Heft, S. 8 – 10.

 

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