Friedrich Gauermann

Friedrich Gauermann (Miesenbach, Wien 1807 - 1862 Wien)

Blick von Altaussee auf das Dachsteinmassiv (Abtrieb von der Alpe), 1855

Öl auf Holz, 77,5 x 69 cm
Signiert unten rechts F. Gauermann

Provenienz:
Privatsammlung, München.

Literatur:
Feuchtmüller, Rupert, Friedrich Gauermann 1807 – 1862. Der Tier- und Landschaftsmaler des österreichischen Biedermeier, Wien 1962, WVZ, S. 214 [als Abtrieb von der Alpe].

 

 

 

 

 

Das 1855 entstandene Gemälde ist ein Werk der reifen Schaffensphase Friedrich Gauermanns. Dessen Landschaften zählen zusammen mit jenen Ferdinand Waldmüllers zu den Höhepunkten der Wiener Malerei im frühen 19. Jahrhundert.

Wie bei vielen Werken Gauermanns ist auch hier die Genese an Hand von Vorzeichnungen und Ölstudien nachvollziehbar (Abb. 1, 2 und 3). Die Datierung bestätigt sich durch eine Studie in Bleistift, die der Künstler „ausgeführt 1855“ bezeichnet hat (Abb. 1).1 Der besondere Rang des Gemäldes in Gauermanns Gesamtwerk wird durch seine Vervielfältigung als Lithographie von Josef Eduard Weixlgärtner (1816-1873) bestätigt.

 

Abb. 1 Friedrich Gauermann, Studie, Bleistift auf Papier, laviert, 1855

Abb. 2 Friedrich Gauermann, Vorzeichnung, Bleistift auf Papier

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit Beginn seiner Künstlerlaufbahn in den 1820er Jahren unternimmt Gauermann Studienreisen und Wanderungen in die Umgebung seines Heimatortes Miesenbach, um Ölstudien en plein-air festzuhalten. Häufig wählt er seine Motive mit Blick auf die spätere Verwendung als Vorlage im Atelier. Unter den zahlreichen Reisen nach Altaussee im Salzkammergut3 ist besonders die Fußreise im Juli 1827 zu erwähnen: in Aussee zwei Tage auf Oelskizzen verwandt.4 Bereits in diesem Jahr malte Gauermann eine Landschaftsstudie en plein-air, die der Topographie unseres Gemäldes genau entspricht (Abb. 3)5.

Abb. 3 Friedrich Gauermann, Der Altausseer See mit dem Dachstein, um 1827, Öl auf Papier auf Leinwand

Gauermanns Standort ist das nordwestliche Ufer des Altaussees. Der Blick geht über den See in Richtung Südost auf das Massiv des Dachsteingebirges. Wie häufig bei Ölstudien verzichtet Gauermann hier gänzlich auf eine Gestaltung des Vordergrundes und konzentriert sich ausschließlich auf die Örtlichkeit.

Bei der Umsetzung der Freilichtstudie für unser Gemälde nutzt Gauermann seine künstlerische Freiheit. Im Vordergrund weitet sich ein Weg auf dem gleich einer Bühne ein Almabtrieb dargestellt ist - Gauermanns Qualitäten als Tiermaler kommen eindrucksvoll zur Geltung. Die bereits in der Freilichtstudie dargestellten Wolkenbänke werden jetzt zu dramatischen Formationen aufgetürmt. Ein aufziehendes Gewitter kündigt sich an.

Aufgewachsen in Miesenbach, südwestlich von Wien, erhält Gauermann erste Anleitung von seinem Vater dem Maler Jakob Gauermann. Nach einem Studium bei dem der barocken Tradition verhafteten Josef Mößmer an der Wiener Akademie (1824-1827) zählte Gauermann in seinem Frühwerk gemeinsam mit Franz Steinfeld, Friedrich Loos und Ferdinand Georg Waldmüller zur ersten Künstlergeneration der realistischen Landschaftsmaler und somit zu ihren Wegbereitern. Bereits während seines Studiums unternahm Gauermann mehrere Reisen in das Salzkammergut und an den Königsee nach Berchtesgaden – in ein Gebiet, dessen Schönheit bereits einige Zeit vor ihm von den Malern der Romantik, allen voran den Dessauer Brüdern Ferdinand (1785-1841) und Friedrich Olivier (1791-1859), entdeckt und für die Malerei erschlossen wurde. Er entwickelte, ebenso wie Steinfeld, Loos und Waldmüller eine völlig neue, "entmystifizierte" Landschaftsauffassung. Die Naturbeobachtung war ihm lebenslang die Basis seiner Landschafts- und Tiermalerei. Während seiner Studienzeit hatte er in den kaiserlichen Galerien aber auch Gelegenheit, die Gemälde der frühen Holländer, wie Nicolaes Pietersz Berchem (1620-1683), Paulus Potter (1625-1654), Jacob von Ruisdael (1628/1629-1682) und Philips Wouwermans (1619-1668) zu studieren. In seinem reifen Werk greift er, dem Geschmack des heimischen Publikums folgend auf diese gute Kenntnis der alten Meister zurück und fügt zunehmend Genredarstellungen als erzählendes Element in seine Landschaften ein. Anfangs als Beiwerk behandelt, werden sie in der Reifezeit des Künstlers dominanter und bisweilen zum bestimmenden Bildinhalt. Episoden aus dem bäuerlichen Leben und Szenen der Jagd zählten dabei zu seinen bevorzugten Themen. Die direkte Naturbeobachtung bleibt aber stets die Basis seiner Kunst.6

 

 


1 Bleistift auf Papier, laviert, 15,8 x 13,6 cm, Kupferstichkabinett in der Bibliothek der Akademie der bildenden Künste, Wien, Inv.Nr. 7106.

2 Bleistift auf Papier, 12,5 x 16,5 cm, Neue Galerie, Graz, Inv. Nr. 9917.

3 Die biographischen Quellen Gauermanns verzeichnen mindestens acht Studienreisen nach Altaussee und in das Dachsteingebirge im Salzkammergut: Sommer 1825; im Juli 1827 von Miesenbach zu Fuß ins Salzkammergut; 1828 Ende Juli Fußreise ins Salzkammergut mit Reisestation Aussee; Juli 1829; 1835, 1839, 1847, 1852, vgl. Krug, Wolfgang, Friedrich Gauermann 1807-1862, Niederösterreichisches Landesmuseum St. Pölten 2001, S. 246-51.

4 Krug, op.cit., S. 246.

5 Der Altausseer See mit dem Dachstein, um 1827, Öl auf Papier auf Leinwand, Bez. und sign. unten links: Alt-Aussee / von Friedrich Gauermann, 30 x 43 cm, Oberes Belvedere Wien, Inv. Nr. Lg 50.

6 Zitiert nach < http://digital.belvedere.at/emuseum, Suche Gauermann, Landschaft bei Miesenbach> (Zugriff 22.01.2013).

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