Fernand Khnopff

Fernand Khnopff
(Grembergen 1858 – 1921 Brüssel)

Portrait des Grafen Roger van der Straeten-Ponthoz, 1894

Öl auf Leinwand, 80 x 49 cm
Signiert unten rechts: Fernand Khnopff 1894

Provenienz:
Familie van der Straeten-Ponthoz;
Galerie Patrick Derom, Brüssel;
Privatsammlung, New York.

Ausstellungen:
Triennale, Ghent, 1895;
Fernand Khnopff 1858-1921, Königlich-Belgische Kunstmuseen, Brüssel, 2004.

Literatur:
Fernand Khnopff 1858-1921, Ausst. Kat. Brüssel, Ostfildern-Ruit 2004, S. 150, Abb. 82;
Robert Delevoy, Fernand Khnopff, Lausanne 1979, S. 292, Nr. 262;
Jean Delville, Notice sur Fernand Khnopff, in Annuaire de l'Académie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de Belgique, Brüssel 1925, S. 25;
Paul Lambotte, Les peintres de portraits. Collection de l’art belge au XIXe siècle, Brüssel 1913, S. 126;
Marie Biermé visite l’Atelier de Fernand Khnopff à Ixelles, in Revue Le Belgique artistique et littéraire, Brüssel 1907;
Louis Dumont-Wilden, Fernand Khnopff, Brüssel 1907, S. 72;
Edmond de Louis de Taeye, Les artistes belges contemporains. Leur vie, leurs œuvres, leur place dans l’art, Brüssel 1894, S. 749.
Fernand Edmond Jean Marie Khnopff gilt zusammen mit James Ensor (1860 – 1949) als der wichtigste Vertreter des belgischen Symbolismus. Entsprechend dem Interesse der Symbolisten an allen Kunstgattungen beschäftigte sich auch Khnopff intensiv mit zeitgenössischer Literatur, Theater und Bühnenbildnerei.

 

Khnopffs enigmatische Porträts haben innerhalb seines Œuvres einen hohen Stellenwert und waren sehr nachgefragt. Alleine zwischen den Jahren 1884 und 1890 entstehen vierunddreißig Portraits. Sie spiegeln die Befindlichkeit und das Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft seiner Heimatstadt Brüssel. [1] Im Konzept realistisch, werden sie vom Künstler mittels Manipulation des Bildausschnitts, an der Perspektive, sowie dem Nebeneinander von scharfen und unscharfen Konturen der dargestellten Gegenstände verfremdet. Dadurch entsteht eine mystische, entrückte Atmosphäre, ähnlich jener die dem heutigen Betrachter aus der filmischen Umsetzung von Traumszenen, etwa bei David Lynch, geläufig ist. Besonders in seinen Kinderporträts gelingt es dem Künstler das Korsett bürgerlicher Konvention zu visualisieren, das nicht zwischen Kind- und Erwachsensein unterscheidet und den Betrachter die Einsamkeit des Individuums in der Welt der Moderne spüren lässt.

Abb. 1: Der zweijährige Franklin Delano Roosevelt, New York, 1884

Das ganzfigurige Porträt zeigt den sechsjährigen Roger aus dem belgischen Adelsgeschlecht der Grafen van der Straeten-Ponthoz. Auf der Kante eines hohen Sessels platziert sucht er mit den Zehenspitzen auf einem Fußkissen Halt. Rogers Mädchenkleidung, die den heutigen Betrachter verwundern mag, war in feudalen und dann auch in großbürgerlichen Milieus bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus gebräuchlich (Abb. 1). Wie der Soziologe, Phillipe Aries, in seinem Werk Geschichte der Kindheit ausführt, liegt dem Phänomen die Teilung der Gesellschaft in geschlechtsspezifische Sphären zugrunde, die weibliche, eher dem Haus und der Haushaltung zugewandt, die männliche nach außen gewandt. Knaben wurden zunächst der weiblichen Sphäre zugeordnet und entsprechend gekleidet, um erst mit beginnender Pubertät in die männliche Sphäre zu wechseln.[2]

Abb. 2: Fernand Khnopff, Portrait der Marie Monnom, 49,5 x 50 cm, Paris, Musée d‘Orsay

Der bildparallele Aufbau der Komposition und das Vermeiden des direkten Blickkontaktes mit dem Porträtierten halten den Betrachter auf Distanz. Das Atelier war für Khnopff ein magischer Ort. Viele Gegenstände, die ihn dort umgaben, tauchen immer wieder in seinen Porträts auf und erlangen dadurch gleichsam Signet-Charakter. So etwa der Sessel mit den gedrechselten Sprossen oder die einem Medaillon ähnelnde japanische Servierschale, an der Wand. [3] Beide finden sich beispielsweise auch in dem Portrait von Marie Monnom, der Tochter eines Brüsseler Verlegers (Abb. 2).

Das Streben nach Psychologisierung des Porträts ist den Symbolisten gemein. Die Umsetzung könnte aber unterschiedlicher nicht sein. Während Jean Delville (1867 – 1953), Léon Spilliaert (1881 – 1946) oder James Ensor das seelische Innenleben der Porträtierten durch skurrile Fratzen und verzerrte Gesichter evozieren, fokussieren sich Künstler wie Degouve de Nuncques (1867 – 1935), James Mc Neill Whistler (1834 – 1903) und Khnopff auf die „Schönheit“ und Erhabenheit des Sujets.[4]

Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Brüssel, wechselt Khnopff im Jahr 1876 an die Brüssler Akademie der Schönen Künste, um bei Xavier Mellery zu studieren. Schon früh wird er mit Jean Delville, James Ensor und Guillaume Van Strydonck (1861 – 1937) bekannt. 1878 geht er an die Pariser Académie Julian, zu jener Zeit ein wichtiger Anlaufpunkt jener fortschrittlichen jungen Künstler, die an Akademie keine geistige Heimat mehr finden konnten. Die zeitgenössische realistische Malerei beeinflusst den jungen Künstler ebenso wie die Malerei Gustave Moreaus (1826 – 1898), die Literatur Gustave Flauberts (1821 – 1880), Charles Baudelaires (1821 – 1867), Georges Rodenbachs (1855 – 1898) und Émile Verhaerens (1855 – 1916).[5] Im Laufe seines Lebens internationalisiert sich Khnopffs Karriere zunehmend. Er steigt zu einem der einflussreichsten Protagonisten der symbolistischen Malerei in Europa auf.

Eine erste kurze Reise 1877 nach England, wohin er in späteren Jahren mehrfach zurückkehren wird, bringt ihn in Kontakt mit den Präraffaeliten, besonders mit Edward Burne-Jone (1833 – 1898). 1881 folgt die Teilnahme an einer Gruppenausstellung des Künstlerbundes „L’Essor“ in Brüssel, der sich gegen die akademische Malerei wendet.[6] 1883 ist Khnopff dann einer der Mitbegründer der symbolistischen Künstlergruppe „Les XX“, die sich in den Folgejahren zu einem Zentrum der belgischen Avantgarde entwickelt.[7]

1884 trifft er den Schriftsteller Joseph Péladan (1858 – 1918), dessen Mystic ordre de la Rose+Croix Catholique du Temple et du Graal bald ein Forum symbolistischer Musiker, Literaten und bildender Künstler werden wird. Die in den 1890er Jahre stattfindenden insgesamt sechs Salons de la Rose+Croix waren ein Aushängeschild des französischen Symbolismus. Namengebend für diese, wohl einflussreichste symbolistische Bewegung des Fin-de-Siècle, mit ihrer antimaterialistischen, dem Okkultismus und Mystizismus zuneigenden Prägung, war der mittelalterliche esoterische Geheimbund der Rosenkreuzer. Khnopff nimmt an dem zweiten Salon de la Rose+Croix 1893 teil.

Eine endgültige Bestätigung seines internationalen Erfolgs ist die Teilnahme an internationalen Ausstellungen, besonders einer Ausstellung der Wiener Secession 1898, die ihm einen ganzen Raum widmet. Bewunderung zollen ihm zeitgenössische Maler wie Gustav Klimt (1862 – 1918) [8] und Franz von Stuck (1863 – 1928). Für Georges Rodenbachs Theaterstück „Le Mirage“, aufgeführt im Jahr 1903 am Deutschen Theater, Berlin, unter der Regie von Max Reinhardt (1873 – 1943), entwarf Fernand Khnopff das Bühnenbild.


  1. Getty Museum Collection, Fernand Khnopff, <https://www.getty.edu/art/collection/person/103KVR>, aufgerufen am 27.04.2022.
  2. Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit, München 1975. Originalausgabe L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime, Paris 1960.
  3. Michel Draguet, Portrait of Jeann Kéfer, Los Angeles 2004, S. 31.
  4. Ausst. Kat. Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus, Berlin 2020, S. 289.
  5. 1892 erscheint der Roman „Brügge – Tote Stadt“ von Georges Rodenbach, dem bekanntesten symbolistischen Dichter Belgiens, der den Niedergang Belgiens thematisiert als eine Art morbiden Sinnbilds von Vergänglichkeit.
  6. Getty Museum Collection, Fernand Khnopff, <https://www.getty.edu/art/collection/person/103KVR>, aufgerufen am27.04.2022.
  7. Fernand Khnopff. Le Maître de l’énigme, Ausst. Kat. Petit Palais, Paris 2018.
  8. Michel Draguet, Fernand Khnopff, Brüssel 2018.

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